Monatsarchiv: April 2012

Noch ein weißer Fleck auf der Landkarte der traditionellen Volkswirtschaftlehre

Über regelmäßig frei vorgehaltene Produktionskapazitäten und die Tatsache, dass wir unter unseren Verhältnissen leben.

Vor gut einer Woche ging in Berlin die Konferenz des „Institute for New Economic Thinking“ (INET) zu Ende. George Soros hatte kritische Ökonomen aus der ganzen Welt zusammengerufen und wenn man den Medienberichten vertrauen kann, wurde lange nicht so konzentriert und fundiert Kritik an der herrschenden Volkswirtschaftslehre geübt. Zu Recht wurde ihr vorgeworfen, dass sie mit Modellen arbeitet, die zwar mathematisch ausgefeilt und elegant sind, dafür aber ihren Bezug zur realen Wirtschaft weitgehend verloren haben. Dass sie den fundamentalen Unterschied zwischen kalkulierbarem Risiko und unkalkulierbarer Unsicherheit ausblendet, um ihre Modelle überhaupt erst berechenbar zu machen.  Dass sie in der Regel mit dem eindimensionalen Menschenbild des idealtypischen Homo oeconomicus arbeitet und dass ihre Ansätze zu wenig interdisziplinär sind, obwohl die Ökonomie selbst als eine Sozialwissenschaft zu gelten hat.

Aber trotz der Vielfalt der Kritik ist eine fundamentale Fehlannahme der traditionellen Volkswirtschaftslehre noch immer nicht in den Focus der Aufmerksamkeit getreten: Die allermeisten Modelle gehen regelmäßig von voll ausgelasteten Produktionskapazitäten aus, obwohl die Empirie hier in deutlicher Weise andere Ergebnisse liefert. So liegt der Auslastungsgrad, sowohl in den USA wie auch in den Ländern des Euroraums im langfristigen Durschnitt bei nur rund 80 Prozent und steigt auch in Boom Phasen kaum über einen Wert von 85 Prozent. Nachlesbar für die USA hier und für die Länder des Euroraums hier (Statistikteil, Übersicht, Nr. 2). Der Grund, dass sich dieser Wert nie ernsthaft der 100 Prozent Marke nähert, wird zu einem gewissen Teil darin zu finden sein, dass es sich lediglich um einen Durchschnittswert handelt, der in einzelnen Branchen temporär durchaus höher liegen kann. Im wesentlichen kann der Grund aber damit erklärt werden, dass die Industrie in unserem Wirtschaftssystem – schon aus eigenem Interesse – vorausschauend ihre Kapazitäten ausweitet, sobald sie von einer dauerhaften Zunahme der Nachfrage überzeugt ist.

Aus der Sicht des Modellökonomen ist die Ignorierung dieses Tatbestandes verständlich. Denn die Anerkennung des empirischen Befundes, dass in marktwirtschaftlich organisierten Industriestaaten regelmäßig freie Kapazitäten vorgehalten werden, würde die übliche mathematische Modellbildung der herrschenden Volkswirtschaftslehre stark verkomplizieren. Viel einfacher – und vor allem systemkonformer – ist da die traditionelle Annahme, dass Mengenänderungen nur als Folge von Preisänderungen auftreten können. Bei der Existenz von freien Kapazitäten wären aber auch Produktionsausdehnungen ohne vorausgehende Preissignale erklärbar, nämlich einfach als Reaktion auf eine zusätzliche Nachfrage. Verständlich, dass die Situation der realen Welt bei den herrschenden Modellökonomen nicht sonderlich beliebt ist.

Es gibt aber auch noch eine politische Erklärungsebene warum konservative Ökonomen von dem empirischen Befund von regelmäßig freien Kapazitäten nicht begeistert sind. Denn nun wird ihr Standardargument, eine zusätzliche – staatlich gelenkte – Nachfrage führe am Ende doch nur zu Inflation und sollte daher vermieden werden, ausgehebelt, da es nur bei Vollauslastung gilt. Und getreu dem Motto, dass nicht sein kann was nicht sein darf, wird der Befund ignoriert.

Das Unternehmen bei freien Kapazitäten auf eine Zunahme der Aufträge mit einer sofortigen Anhebung der Preise reagieren, anstatt die neuen Kunden zum bestehenden Preis zu beliefern und die Extragewinne einzustreichen, ist auch mit der traditionellen Theorie kaum zu erklären. Im Gegenteil. So hat der neoklassisch/neoliberal zu verortende Ökonom C.C. von Weizsäcker schon 2005 überzeugend dargelegt, dass auch mit Hayeks Theorie der spontanen Ordnung das systematische Vorhalten freier Kapazitäten nicht nur erklärt werden kann, sondern sogar Vorbedingung für das Funktionieren einer „spontanen“ ökonomischen Ordnung ist. Daher ist die empirisch sichtbare Auslastung von rund 80 Prozent kein zufälliges statistisches Artefakt, sondern konstitutiv für das Funktionieren unseres marktwirtschaftlich/kapitalistischen Wirtschaftssystems.

Nun könnte man denken, wieder einmal die Mainstream Theorie beim Falschparken erwischt. Was soll’s. Das ist nichts wirklich neues. Aber hier geht es um viel mehr. Denn nimmt man die Tatsache frei vorgehaltener Produktionskapazitäten ernst, wird schnell klar, wie sehr wir unter unseren Verhältnissen leben, bzw. es erklärt, warum der real existierende Kapitalismus so oft aus dem Stand zu Höchstleistungen aufläuft, wenn nur irgendwoher eine extra Nachfrage auftaucht. In Deutschland war dieser Effekt sehr eindrucksvoll in den Jahren der deutschen Einigung zu beobachten.

Wichtiger als Deutschland ist hier jedoch die globale Ebene. Unterstellt man, dass für das weltweite BIP (Summe aller erzeugten Güter und Dienstleistungen) von rund 60 Billionen Dollar, welches zum überwiegenden Teil in Industrie- bzw. Schwellenländern erzeugt wird, ein ähnlicher Auslastungsgrad angenommen werden kann, wie für die USA und den Euroraum und nimmt man weiter an, dass wenigstens zwei Prozent zusätzliche Produktion ohne die Notwendigkeit von Preisanhebungen sofort möglich wäre, bedeutet dies den freiwilligen Verzicht auf die Produktion von Gütern und Dienstleistungen im Wert von 1200 Mrd. Dollar pro Jahr.

Nun jedoch kann mit Recht argumentiert werden, dass das Angebotspotential an real vorgehaltenen freien Kapazitäten und die neue Nachfrage für Klimaschutzinvestitionen, Umsetzung der MDGs und andere politisch zu bestimmende Projekte nicht automatisch mit einander übereinstimmt. Aber genau hier sollte der sonst oft berechtigt kritisierten freien Marktwirtschaft einmal vertraut werden. Denn kein anderes bekanntes System hat in solchen Maße die Fähigkeit, eine neue Nachfrage mit dem Angebotspotential in kurzer Zeit in Übereinstimmung zu bringen, wie die Marktwirtschaft.  Da wäre auch die Tatsache, dass der erste Impuls für die neue Nachfrage vom Staat kommt, kein Problem.

Wenn aber unser bestehendes kapitalistisches System in der Lage ist, bei entsprechender staatlicher Lenkung, wichtige globale Problem zu lösen, sollte die Frage eigentlich nicht mehr sein, ob wir dies ausnutzen sollen, sondern nur noch wie. Die Tatsache, dass wir unter unseren Verhältnissen leben, gibt uns dazu die Möglichkeit und damit auch den Auftrag.

Matthias Kroll

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